Abstract
214 RHETORICA Dietmar Till, Das doppelte Erhabene: Eine Argumentationsfigur von der Antike bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts (Studien zur Deutschen Literatur 175), Tübingen: Max Niemeyer, 2006. 416 S. ISBN 978-3484 -18175-5 In bewuBter Anlehnung an den von Carsten Zelle (Die doppelte Àsthetik der Moderne. Revisionen des Schônen von Boileau bis Nietzsche (Stutt gart/Weimar: Metzler, 1995)) geprâgten Topos einer "Doppelten Àsthetik" geht Dietmar Till in seiner Studie dem "doppelten Erhabenen" nach. Was ist damit gemeint? Entgegen der weit verbreiteten, zum Beispiel von Christian Begemann ("Erhabene Natur. Zur Übertragung des Begriffs des Erhabenen auf Gegenstànde der auBeren Natur in den deutschen Kunsttheorien des 18. Jahrhunderts," Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 58 (1984): 74-110) vertretenen Meinung, daB sich der Be griff des Erhabenen im 18. Jh. aus der Rhetoriktradition loste und in den neu entstehenden, nun auch auf Naturphânomene angewandten àsthetischen Diskurs einfloB, vertritt Till die These, daB es schon "um 1700 nicht einen einzigen Begriff des 'Erhabenen' gab, sondern zwei: namlich einerseits das Erhabene als erhabener/hoher Stil (genus sublime) im Kontext der rhetorischen Lehre von den drei genera dicendi, andererseits das Erhabene (ύψος [hÿpsos], lat. sublimitas) bei Longin, das gânzlich auBerhalb des systematischen Zusammenhangs der rhetorischen Dreistillehre (genera dicendi) angesiedelt ist." (S. 17) Durch die Longin zugeschriebene antike Schrift Peri hÿpsus, die den Grundstein für die gesamte moderne Beschâftigung mit dem Begriff des Erhabenen legte, und deren Rezeption entstand mithin ein "doppeltes Erhabenes", das sich mit sich selbst in einem "fortwâhrenden Widerstreit" befand (S. 20) und die rhetorische Dreistillehre gleichsam von innen heraus sprengte, insofern die in Peri hÿpsus und seiner Rezeption propagierte Erhabenheit mit rhetorischen Mitteln nur noch bedingt herstellbar war (vgl. z.B.S. 206). Erst durch deren "Privilegierung" kam es in der Folge zu einer "Abwertung des rhetorischen Konzepts eines hohen Stils" und damit zu einer "Kritik an der Rhetorik überhaupt." (S. 20) Diese Figur des "doppelten Erhabenen" verfolgt Till in lockerer chronologischer Reihenfolge mit groBer Akribie und ungeheurem FleiB bis in die letzten Veràstelungen der Texte vor allem in der Zeit von Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jhs. Es ist überwâltigend, welche Materialmenge Till aufbietet und welches Themenspektrum er abdeckt. Nach einem kurzen Einblick in die "Forschungsdiskussion" (Kap. I, S. 13-20) und einem groben Überblick über "Longin und de[n] frühneuzeitliche[n] Rhetorik-Diskurs" (Kap. II, S. 21-41) stellt der Autor im Kapitel "Theoriegeschichtliche Grundlagen" (III.l, S. 48-99) die klassische rhetorische Lehre vor, um deutlich machen zu kônnen, worin sich die "'andere' Tradition der Rhetorik" (S. 68), um die es ihm geht, davon absetzt. Diese "zweite Rhetorik" (S. 68) stellt Till vor allem in ihrer Auspràgung bei Longin, aber auch bei Hermogenes (vgl. Kap. 111.2, S. 99-133) in ihrem jeweiligen Kontext dar, um wiederum verdeutlichen zu kônnen, inwiefern die neuzeitliche Diskussion daran anknüpft. Auch Reviews 215 den theologischen Implikationen, die die Rede vom Erhabenen hàufig aufweist , ist ein eigenes Kapitel gewidmet ('"Theorhetor': Das Erhabene und die Simplizitàt der Bibel", Rap. III.3, S. 133-180). Till verfolgt die Debatte um den Stellenwert des als Beispiel für Erhabenheit geltenden "Fiat lux" in Frankreich und in Deutschland, die auf Boileaus Longin-Übersetzung von 1674 folgte und verwandte Züge mit der "Querelle des Anciens et des Modernes aufwies (vgl. Kap. III.5 und III.6, S. 193-233). Er widmet sich der Longin/Boileau-Rezeption zur Zeit der Aufklàrung in Deutschland, der Schweiz (vgl. Kap. IV, S. 234-316) und England (vgl. Kap. V, S. 317-346) und verfolgt die Begriffsentwicklung bis in die Zeit der Spàtaufklàrung (vgl. Kap. VI, S. 347-362). Neben den bekannten, in der Forschung hàufig zitierten Schriften von Boileau, Huet, Bouhours oder Bodmer und Breitinger begeht Till auch weniger ausgetretene Pfade, indem er etwa ungewôhnliche Seitenblicke auf die pietistische Tradition wirft (vgl. S. 309-316), oder gànzlich abgelegene Aufsàtze wie Karl Simon Morgensterns "Ueber Edle Simplicitàt der Schreibart" berücksichtigt (vgl. S. 361). Es scheint kaum einen Autor in dieser betràchtlichen Zeitspanne zu geben, den Till nicht zur Kenntnis...