Abstract

Reviews Lonni Bahmer, ScJiriftlichkeit und Rhetorik: Das Beispiel Griechenland. Ein Beitrag zur historischen Schriftlichkeitsforschung. Hildesheim / Zü­ rich / New York 2000. Die derzeit intensiv betriebene historiscbe Schriftlichkeitsforschung bildet den Rahmen, innerhalb dessen L. Bahmer (im folgenden B.) in ihrem Werk die Frage nach der Beziehung von Schriftlichkeit und Rhetorik stellt, naherhin, nach der Bedeutung der Rhetorik fur die Schriftlichkeit, nach der Rolle der Schrift bei der Herstellung der Rede sowie der Schrift als Medium des Lehrens und Lernens. Die "Arbeit beansprucht, von den Quellen auszugehen " (S. 15); im wesentlichen handelt es sich hierbei um den Anonymus Iamblichi, die Dissoi Logoi und die erste Tétralogie Antiphons. Der Interpretation dieser Texte geht die fast ein Drittel der Arbeit ausmachende Einführung (S. 11-78) voran, in der B. den Forschungsstand sichtet— gelegentlich mit hohlem Pathos (z.B. S. 38) und in oberflâchlich-ambitiôser Polemik. So etwa gegenüber R. Pfeiffer (S. 29f.), dessen Darstellung der Sophistik und ihrer Bedeutung für die Schriftlichkeit und die Entwicklung des Buchwesens (History of Classical Scholarship, Oxford 1968, 16-56), genau besehen, die Antwort auf die von B. gestellten Fragen in wichtigen Punkten vorwegnimmt; ist doch die Sophistik mit der Rhetorik aufs engste verbunden. Da die von B. als Hauptquellen herangezogenen Texte explizit weder auf den Zusammenhang von Rhetorik und Schriftlichkeit noch in ihrer sprachlichen Gestaltung auf schriftliche VerfaBtheit verweisen, bedient sich B. vorwiegend der indirekten Beweisfiihrung. So sucht sie ihre These, der Anom /mus Iamblichi habe seine Ausführungen schriftlich verfaBt, zu beweisen durch die Einreihung dieses Textes unter solche Textsorten, "die von vornherein als Schriftprodukte [...] angesehen werden" kônnen (S. 109). Die in den Dissoi Logoi (5,Ilf.) als ein Beispiel für situativen Relativismus angeführte betonungsbedingte Bedeutungsverànderung von Homographen motiviert B., obwohl das Exempel eher den Rang der Mündlichkeit dokumentiert, zu ausgedehnten Erôrterungen u.a. antiker Schreibkonventionen, des Ineinandergreifens von Musik, Rhythmus, Grammatik, des Elementarunterrichtes—mit dem Ziel, das "SchriftbewuBtsein" des Verfassers (S. 173) herauszustellen. Und schlieBlich: So unzweifelhaft es ist, daB die Tetralogien Antiphons als Musterreden wie andere rhetorische Beispielsammlungen dieser Zeit schrift-© The International Society for the History of Rhetoric, Rhetorica, Volume XXII, Number 1 (Winter 2004). Send requests for permission to reprint to: Rights and Permissions, University of California Press, Journals Division, 2000 Center St, Ste 303, Berkeley, CA 94704-1223, USA 103 104 RHETORICA lich im Umlauf waren, so wenig tragen B.s Interpretationen (S. 208-236) zur Fundierung dieser Ansicht bei. B.s Arbeit geht, zusammenfassend gesagt, von einem wichtigen Problem aus, behandelt dieses aber in einer methodisch wenig überzeugenden Form. Angesichts der oft weitausholenden, streckenweise in ermüdender Diktion vorgetragenen Darstellung stellt sich die Frage, ob B. ihr Ziel durch eine umfassende Sichtung und Interpretation der in der einschlàgigen Literatur des 5. und 4. Jahrhunderts vorliegenden Aussagen zur Schriftlichkeit nicht besserhàtte erreichen kônnen. Es sei hier nur - ergânzend zu den von B. selbst angeführten "Schrift"-Belegen-u.a. verwiesen auf Sokrates' Schilderung der zeitgenôssischen Rhetorik-Lehrbiicher (Platon, Phaedr. 266c-267d; 271c), auf das bei L. Radermacher (Artium scriptores: Sitzb. Ôsterr. Akad. 227,3, 1951) zu findende Material, auf die Belege bei W. Steidle (Redekunst und Bildung bei Isokrates: Hermes 80, 1952, 271 Anm. 5). Auch im einzelnen bietet die Arbeit manches Inakzeptable, so, wenn B. Platon auf dem Gebiet der Sprachbetrachtung und der formalen Logik zum "Schüler" der Sophisten erklàrt (S. 238), verkennend, daP zum einen Platons epistemologisches Interesse an der Sprache, insbesondere der "Richtigkeit der Wôrter", sich gerade nicht am sophistischen Begriff der formalen Sprachrichtigkeit orientiert, sondern—so im Krati/los—zuriickweist auf die etymologisierende Sprachanalyse des frühen Griechentums, daP zum andern für Platons Logik nicht die von ihm als Antilogike (Eristik) bekampfte sophistische Dialektik grundlegend ist, sondern das sokratische Bemühen um den Begriff. Zwei etwas knapp geratene Register erschliePen das Buch. Druckfehler finden sich selten, doch weisen einige griechische Wôrter falsche Akzente bzw. Spiritus auf (so S. 139; 144; 209 u.ô.). Angesichts der wertvollen Fragestellung des Werkes braucht dessen Besprechung indes nicht im Negativen zu enden. Dieter Lau Universitat Essen 0ivind Andersen, Im Garten der Rhetorik. Die Kunst der Rede in der Antike. Aus dem Norwegischen...

Journal
Rhetorica
Published
2004-01-01
DOI
10.1353/rht.2004.0022
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