Im Garten der Rhetorik. Die Kunst der Rede in der Antike von Øivind Andersen
Abstract
104 RHETORICA lich im Umlauf waren, so wenig tragen B.s Interpretationen (S. 208-236) zur Fundierung dieser Ansicht bei. B.s Arbeit geht, zusammenfassend gesagt, von einem wichtigen Problem aus, behandelt dieses aber in einer methodisch wenig überzeugenden Form. Angesichts der oft weitausholenden, streckenweise in ermüdender Diktion vorgetragenen Darstellung stellt sich die Frage, ob B. ihr Ziel durch eine umfassende Sichtung und Interpretation der in der einschlàgigen Literatur des 5. und 4. Jahrhunderts vorliegenden Aussagen zur Schriftlichkeit nicht besserhàtte erreichen kônnen. Es sei hier nur - ergânzend zu den von B. selbst angeführten "Schrift"-Belegen-u.a. verwiesen auf Sokrates' Schilderung der zeitgenôssischen Rhetorik-Lehrbiicher (Platon, Phaedr. 266c-267d; 271c), auf das bei L. Radermacher (Artium scriptores: Sitzb. Ôsterr. Akad. 227,3, 1951) zu findende Material, auf die Belege bei W. Steidle (Redekunst und Bildung bei Isokrates: Hermes 80, 1952, 271 Anm. 5). Auch im einzelnen bietet die Arbeit manches Inakzeptable, so, wenn B. Platon auf dem Gebiet der Sprachbetrachtung und der formalen Logik zum "Schüler" der Sophisten erklàrt (S. 238), verkennend, daP zum einen Platons epistemologisches Interesse an der Sprache, insbesondere der "Richtigkeit der Wôrter", sich gerade nicht am sophistischen Begriff der formalen Sprachrichtigkeit orientiert, sondern—so im Krati/los—zuriickweist auf die etymologisierende Sprachanalyse des frühen Griechentums, daP zum andern für Platons Logik nicht die von ihm als Antilogike (Eristik) bekampfte sophistische Dialektik grundlegend ist, sondern das sokratische Bemühen um den Begriff. Zwei etwas knapp geratene Register erschliePen das Buch. Druckfehler finden sich selten, doch weisen einige griechische Wôrter falsche Akzente bzw. Spiritus auf (so S. 139; 144; 209 u.ô.). Angesichts der wertvollen Fragestellung des Werkes braucht dessen Besprechung indes nicht im Negativen zu enden. Dieter Lau Universitat Essen 0ivind Andersen, Im Garten der Rhetorik. Die Kunst der Rede in der Antike. Aus dem Norwegischen von Brigitte Mannsperger und Ingunn Tveide, Darmstadt 2001 (Originalausgabe: I Retorikkens Hage, Oslo 1995). An der Pforte zum Rhetorik-Garten empfàngt Andersen (im folgenden A.) seine Besucher, erklàrt ihnen den für sie ausgesuchten Spazierweg mit dessen in thematischen, problemorientierten Aspekten wie Kommunikation , Argumentation, Pàdagogik (S. 11) bestehenden—Markierungen und nennt ihnen als Hauptanliegen7 der vorgesehenen flânerie commune, Reviews 105 "herauszufinden, was ais typisch gelten kann für Redner und Redekunst" (S. 17). Der Beobachtungszeitraum reicht von 500 v. Chr. bis 500 n. Chr. (S. 12); das Beobachtungsfeld, in einer Quellenschau umrissen (S. 13-17), umfaRt die thematisch einschlágige Literatur der paganen griechisch-rômischen Antike: "theoretische Schriften, Handbücher und Reden" (S. 13). Den Schwerpunkt bilden Aristóteles, Cicero und Quintilian. Überraschen dürfte den Gartenbesucher , daR christliche Autoren—man denkt etwa an Augustinus, an seine Predigten, seine für die Theorie auch der christlichen Beredsamkeit grundlegende Schrift De doctrina Christiana (nur einen kurzen Hinweis auf diese gibt A. S. 225), seine Indienstnahme der Tropologie als hermeneutisches Instrumentarium der Bibelexegese—in A.s fiortus rhetoricns keinen angemessenen Platz gefunden haben und so die in ihrer Bedeutung kaum zu überschátzende Rezeption und Transformation der paganen Rhetorik durch das frühe Christentum auRerhalb verbleibt. Nach erklàrenden Bemerkungen zu den Termini rhetor, rhetorikos, techne (dazu nochmals S. 272f.) und rhetorike techne (S. 17f.)—man vermiRt die entsprechende Erklàrung von orator sowie den Hinweis, daR bis in die Zeit des Hellenismus sophistes die Bezeichnung für den Redelehrer gewesen ist— pràsentiert A. antike Definitionen der Rhetorik (S. 19-23). Einzelkritik—aus Raumgründen kann hier wie im folgenden nur auf weniges hingewiesen werden: - Quintilian, so erklàrt A., habe mit seinem Werk, der Institutio oratoria, "1500 Jahre lang einen ungeheuren EinfluR auf Rhetorik und Pádagogik ausgeübt" (S. 14), eine erstaunliche Feststellung, da Quintilians Wirkung in der Antike bekanntlich bescheiden gewesen ist und die groRe Zeit seiner Rezeption erst mit Poggios Fund (im Winter 1415/16) beginnt. - DaR Demetrios von Phaleron nicht "um die Zeitenwende gewirkt hat" (S. 17; chronologisch richtige Einordnung dann S. 257), sollte eigentlich klar sein. - Aristóteles' berühmte Definition der Rhetorik (rhet. 1,2, 1355 b 26f.) wird falsch übersetzt als die Fàhigkeit, "die móglichen überredenden Momente in jedem Stoff aufzuzeigen" (S. 20; nochmals S...
- Journal
- Rhetorica
- Published
- 2004-01-01
- DOI
- 10.1353/rht.2004.0023
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